Ponygirlhof

Leise klirrte die Kette an ihrem Halsband, als sab erwachte und versuchte, sich auf ihrem Strohsack ein wenig Bewegung zu verschaffen. Das war nicht so einfach, denn die Kette, die an einem Ende an ihrem Halsband befestigt und an ihrem anderen Ende fest in den Boden eingelassen war, war recht kurz;  ihre Handgelenke umschlossen lederne Manschetten, die hinter ihrem Rücken zusammengefaßt waren, und schließlich waren ihre Fußgelenke auf ähnliche Weise fest verbunden.

Der Morgen graute bereits ein wenig, und wenn sie es schaffte, durchzuhalten, bis die Sonne am Firmament stand, durfte sie den blauen Federbuschen tragen, das Ehrenzeichen für all diejenigen Ponys, die imstande waren, einen langen Tag die Hände in Fesseln hinter dem Rücken zu halten und eine daran anschließende noch längere Nacht in derjeniger Lage, in der sie sich jetzt befand, zu verbringen.

Sie war manchmal kurz davor gewesen, aufzugeben, doch ermahnte sie sich dann sehr streng und überwand so jedesmal den Tiefpunkt. Nun war nur noch eine oder zwei Stunden durchzuhalten, und sab stellte sich bereits in freudiger Erwartung vor, wie sie vor versammelter Mannschaft (oder besser Herde, wie sab sich amüsiert verbesserte) die Ehrung demütig auf den Knien entgegennehmen durfte.

Welch seltsamer Zufall, der sie vor ein paar Wochen in ihrer Mittagspause in den Reiseteil der Tageszeitung blicken und ihr folgende Anzeige gleich ins Auge stoßen ließ:

Sie hatte sogleich angerufen; alles Weitere ergab sich, und so lag sie nun ziemlich eng und streng gefesselt auf ihrem Strohsack, ihrer Befreiung harrend, und ließ ihre Gedanken zurückschweifen zu den beiden vergangenen Tagen.

sab verbrachte erst die zweite Nacht im Ponyhof, doch wieviel war bereits geschehen! Und eigentlich hieß sie auch nicht mehr sab, sondern für die Dauer ihres Aufenthaltes samantha, wie in silbernen Lettern an ihrem Halsband zu lesen war, samantha, das Pony! Daran mußte sie sich aber erst einmal gewöhnen, wie an so vieles hier im Ponyhof:

An das strenge Zaumzeug etwa, das bei allen Übungen angelegt wurde, an das enge Geschirr, das sie erst eintragen mußte, und  natürlich an die drei Schrittarten, Schritt, Trab und Galopp. Man verfuhr noch sehr nachsichtig mit ihr, doch ihre Trainerinnen machten ihr unmißverständlich klar, daß, hatte sie erst einmal die Peitschenreife erlangt und durfte also zu ihrem blauen auch noch den roten Federbuschen tragen, sie bei einem Verstoß unnachsichtig die Peitsche zu spüren hatte. Sie hatte noch im Ohr, wie sie nach einem Patzer beim Trab zu hören bekam: „Dafür wird es später die Peitsche setzen, samantha! Denn, vergiß nicht, bei einem Rennen bedeutet das die entgültige Disqualifikation!“.

Auch das Halsband und die beiden Armbänder mit ihren Eisenringen waren ein seltsamer Schmuck! Nicht daß es für sie ungewohnt gewesen wäre, solche Bänder zu tragen – sie hatte darin bereits eine gewisse Erfahrung. Das Seltsame war, daß sowohl die Hals- als auch die Armbänder, die im Ponyhof Schweiger getragen wurden, durch eiserne Nieten fest verschlossen waren. Diese Nieten wurden vom fahrenden Sattel- und Hufschmied geschlagen, der alle zwei Wochen den Hof besuchte; und nur er, keine der Lehrerinnen, vermochte sie auch wieder zu lösen – deswegen waren Wünsche um vorzeitige Abnahme der Bänder von vorneherein völlig aussichtslos und wurden nie geäußert. Manche Ponys, die bereits Stammgäste waren, fanden die Prozedur ein jedesmal zu lästig, und ließen Halsband und Armbänder auch nach Beendigung der Ausbildungswochen der Bequemlichkeit halber einfach an – gleichzeitig auch als schöne Erinnerung und frohe Erwartung. Ob sie jedoch das ebenfalls wünschen würde und, wenn, ob sie auch den Mut dazu aufbrächte – da hegte sab-samantha noch erhebliche Zweifel.

Während all dieser Überlegungen war es in ihrer Zelle heller und heller geworden, und unmittelbar, nachdem die gerade aufgegangene Sonne einen hellroten Fleck an die grobgemauerte Wand gezaubert hatte, stand eine Trainerin neben ihr, eine etwa anderthalb Meter lange silbernglänzende Kette in der Hand, die Führkette, die sab (sie verbesserte sich, samantha) bereits gut kannte. An dieser Führkette wurde sie mittels ihres Halsringes für gewöhnlich an einer Wand befestigt, wenn nichts Besonderes anstand, und, waren alle Ponys in Freiheit sich allein überlassen, wurden sie oft mit ihren Führketten einen Ring bildend aneinandergeschlossen – „Das hebt die Gemeinschaft“, hatte es hierzu von den Trainerinnen lapidar geheißen.

Die Trainerin – es handelte sich hierbei um Frau Walter, wie samantha erkannte –  lobte ihr Durchhaltungsvermögen ausgiebig, schloß die Fuß- und Armreifen auseinander, löste ihr Halsband von den im Boden eingelassenen Eisengliedern und nahm sie an die Führkette. „Ein kleiner Morgenlauf wird dir guttun, nach all der Unbeweglichkeit“, rief Frau Walter fröhlich, „dann darfst du dich frischmachen für deinen großen Tag!“ Frau Walter war immer gutgelaunt, hatte den Posten der Schirrmeisterin inne und verwaltete das Bondage-, das Ausritt- und das Züchtigungbuch. Frau Walter ließ samantha in die neben ihrem Nachtlager stehenden Hufstiefel steigen, verschnürte diese sorgfältig, klatschte in die Hände und rief: „Nun mal los!“

Während der Tag erwachte, führte sie samantha an der Kette gemächlich über den Hof bis zur großen Holztür der Reithalle, die bereits weit geöffnet war. Man trat ins Innere, und samantha, deren Augen sich erst mühsam an die morgendliche Trübe im Inneren der Halle gewöhnen mußte, nahm nur schemenhaft war, wie Frau Walter einen sehr langen Lederriemen an ihrer Kette befestigte, sich selbst in die Mitte der Halle stellte und rief: „Lauf, Pony, lauf!“. samantha, die froh war, sich wieder frei bewegen zu dürfen, lief drauflos, was die Beine, nein, sie verbesserte sich, was die Hufe hergaben. Ja, es waren wirklich Hufe, denn die Stiefel, die ihr Frau Walter zum Auslauf angezogen hatte, besaßen weder Absatz noch Sohle – statt dessen liefen sie in eiserne Hufeisen aus. Es war nicht ganz einfach, darin zu stehen und zu laufen, und samantha war froh, als geübte Schlittschuhläuferin mit den Stiefeln besser zurechtzukommen als viele andere aus der Herde. Aber daß ein Pony Hufe zu tragen hatte, war eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Ihre Hufeisen drückten frische Spuren in den mit Sägespänen bedeckten Boden, der Abend für Abend neu mit dem Rechen glattgezogen wurde – eine nicht sehr würdevolle Arbeit, bei der sich die Ponys jedoch, einer strengen Reihenfolge folgend, untereinander ablösten. samantha lief schneller und schneller; die Führkette und der Riemen hoben sich vom Boden, und Frau Walter in der Mitte der Halle rief „Ho, ho, ho“ in samanthas Laufrhythmus und drehte sich fröhlich mit ihr, Runde für Runde.

Bei diesen Morgenläufen, die nach dem Aufstehen üblich waren, gab es keine festen Regeln und Schrittarten, und auch das Zaumzeug wurde nicht getragen. Die Ponys konnten selbst bestimmen, wann sie des Laufens müde waren, und endlich war es auch samantha, die ordentlich in Schweiß geraten war.

Frau Walter legte ihr fürsorglich eine luft- und wasserdichte Pelerine aus dickem Klepperstoff um, damit sie sich nicht verkühlte, band den Riemen von der Führkette und zog sie zurück in den Flügel mit den Stallungen, jedoch nicht wieder in ihre Zelle, sondern in den von den Ponys scherzhaft als „Roßtränke“ bezeichneten winzigen Bade- und Toilettenraum. Gottlob entsprach dieser Raum nicht dem Namen, dem man ihm gegeben hatte, sondern war äußerst sauber und gepflegt. Frau Walter schloß das freie Ende von samanthas Führkette an einen glänzenden eisernen Ring neben dem Spiegel, nahm ihr die Pelerine ab, öffnete einen schmalen Schrank, zog daraus samanthas Toilettentäschlein hervor, übergab es samantha und zog sich diskret zurück.

Nach geraumer Zeit – samantha war frisch für den Tag gerüstet, öffnete sich die Türe wieder, doch nicht Frau Winter holte sie ab, es war Frau Gollmann, Führungskunde, die samantha freundlich begrüßte, ihre Führkette vom Ring löste und sie damit zum Unterrichtzimmer brachte.

Frau Gollmann war eine energische kleine Frau, die nun die Türe zum Unterrichtszimmer aufschloß und zu samantha gewandt sprach: „Hier üben wir Führungskunde!“ Sie wies auf einen niedrigen Querbalken mitten im Zimmer, unter dem ein Laufband stand, das sich im Lauf in alle Richtungen drehen ließ, und fuhr fort: „Hier oben siehst du die Karabinerösen für deine Arme, denn die brauchst du hier nicht. Komm her,“ samantha schritt auf das Laufband und streckte die Arme zum Balken empor. Frau Gollmann klinkte den Ring ihres linken Armbandes in die erste, den Ring des rechten in die zweiten Öse, nahm ihr die Führkette ab und sprach: „Ich werde dir nun das Zaumzeug anlegen!“

Das wichtigste Utensil bei dieser Unterrichtsstunde, die die ersten Male „trocken“ und später in der Reithalle in den drei Schrittarten abgehalten wurde, war nämlich die Trense, die ihr auch sogleich angelegt wurde. Sie bestand aus einer durch viele Riemchen gebildeten Haube und einer mit weichem Material überzogenen beweglichen eisernen Beißstange, an der rechts und links zwei lange Zügel befestigt waren.

Frau Gollmann dozierte nun: „Ein zarter Zug am linken Zügel – ein wenig links! – ein starker Zug am linken Zügel – scharf nach links! Rechts ist es natürlich entsprechend. Beide Zügel angezogen – halt! Die Zügel mit Schwung gelockert – los! Das hört sich leichter an als es ist – und so werden wir es behutsam üben – die Peitsche setzt es noch nicht! – Bist du bereit?“ samantha, die ja im Zaumzeug nicht zu sprechen vermochte, nickte, und los ging der Trockenritt.

Zuerst waren samanthas Bewegungen abgehackt und eckig, doch bald spürte sie, wie ein guter „Kutscher“, in diesem Falle Frau Gollmann in Person, durch die Zügel mit dem Zugtier zu sprechen vermag. Von Mal zu Mal mehr erriet sie den Wunsch derjenigen, die sie führte, sofort, als sei es ihr eigener, und sie begann sich geschmeidig und elegant zu bewegen.

Als Frau Gollmann mit dem Neugelernten und Neugeübten zufrieden war, ließ sie samantha innehalten, sperrte das Laufband mit einem Bolzen, verband ihr die Augen mit einem Seidentuch, wünschte ihr „gute Kontemplation!“ und verließ das Unterrichtszimmer.

„Kontemplation“ war ein Schlüsselbegriff im Ponyhof Schweiger, und man war sehr stolz auf diese Erfindung. Es bedeutete, daß ein Pony nach einer Übung noch geraume Zeit – wenigstens ein halbes, vielleicht auch ein ganzes Stündchen oder länger (genau wußte man es nie, und darin lag wohl das Erfolgsgeheimnis) in der zur Übung nötig gewesenen Lage mit verbundenen Augen auszuharren hatte und sich dabei das eben Gelernte noch einmal zu Gemüte führte. So stand samantha mit erhobenen Armen unter dem Balken, den Lauf im Geiste wieder und wieder wiederholend, bis Frau Gollmann nach der ihr angemessen erschienenen Frist den Unterrichtsraum erneut betrat, ihr die Augenbinde und das Zaumzeug abnahm, sie an die Führkette nahm, die Armreifen aus den Ösen löste, sie tüchtig lobte und sprach: „Nun hast du Morgenpause – und dann ist’s auch schon Zeit fürs Futter – fürs erste hast du genug geleistet! Wo möchtest du zur Pause hin ?“ „Zur Sonnenbank!“, antwortete samantha. Frau Gollmann lachte und sprach: „Die hast du dir auch verdient!“ 

Sie führte sab nach draußen zur bewußten Sonnenbank; die Führkette wurde an einem der allgegenwärtigen Eisenringe befestigt, und sab erholte sich für ein Weilchen in der Morgensonne, strecke wohlig Beine und Füße aus, wohl wissend, daß ihr nun Frau Mendels bevorstand.

Nun stand auch schon Frau Mendels neben ihr und raunzte: „Zeit für Futter!“ Frau Mendels war für die Verpflegung zuständig und ihr oblag es, ihre Herde zu den Mahlzeiten zusammenzutreiben und entsprechend zu präparieren. Frau Mendels war ein schrecklicher Morgenmuffel, und so umgänglich sie am Nachmittag und am Abend war, so unleidlich war sie des Morgens – was ihr den Spitznamen „Mendels, der Morgendrache“ eingetragen hatte.

Sie nahm es vormittags den Ponys persönlich übel, daß sie zu arbeiten hatte, und so war das Morgenmahl bei allen gefürchtet. Das Mahl selbst war köstlich, wie  Frau Mendels überhaupt eine hervorragende Köchin war, aber die morgenmahlbegleitende Fesselung war eben „mendelsch“, was ebenfalls ein geflügeltes Wort geworden war. So streng war keine der Reitlehrerinnen, doch Frau Mendels hatte für Klagen nur einen Satz parat: „Damit ihr nicht ausschlagt!“ Die Reitlehrerinnen wußten über diese Zustände nicht Bescheid, denn jedes der Ponys, das bislang im Hof untergebracht war, hatte zuviel Stolz besessen, als daß es Meldung gemacht hätte. Auch war es, gerade weil Frau Mendels eine einfache Frau war, eine gute Übung in Demut und Unterwerfung. 

Die Mahlzeiten fanden in einem eigens dafür vorgesehenen Raum statt, der „Futterkrippe“. Mitten in diesem Raum stand die eigentliche Krippe, fünf Meter lang und einem riesigen hölzernen Trog gleichend. Der Trog hatte an jeder Längsseite sechs halbreisförmige Mulden, den zwölf Ponys, die der Hof beherbergte, entsprechend. An der tiefsten Stelle jeder Mulde war eine spannenlange Kette eingelassen, an die das Pony, das sich zuvor vor die Krippe zu knien hatte, mittels seines Halsbandes gekettet wurde.

Außerdem befanden sich seitlich der Mulden kreisförmige Löcher, durch die man die Hände stecken und sich die Mahlzeit zuführen konnte – ja,  mittags und abends – nur nicht beim Morgendmahl, da war Frau Mendels vor.

Als samantha in die „Futterkrippe“ geführt wurde, waren alle anderen Ponys bereits in den Mulden angekettet. samantha kniete sich vor die letzte freie Mulde und ließ sich von Frau Mendels mit dem Trog verbinden, wie es ja dreimal am Tag üblich war. Nun folgte die mendelsübliche Morgenraserei. Zuerst schritt sie außen um die versammelten Ponys und schloß ihnen die Hände auf den Rücken. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen – alle Ponys kannten diese Lage zur Genüge und schätzten sie ja auch – vielleicht nur nicht gerade beim Essen. Nun jedoch hob sie von einem Haufen lederner Gurte, der in der Ecke des Raume lag, eine Handvoll auf, kreiste ein zweites Mal um die Mahlgesellschaft, band den Ponys die Hufstiefel aneinander und verband diesen Gurt mit den zusammengefaßten Armbändern. Der dritte Lauf war der gefürchtetste – da kamen die Oberarme an die Reihe. Frau Mendels hielt nicht inne, bis die Ellenbogen dicht an dicht lagen und, entrann sich einem Pony dabei ein Seufzer, hieß es barsch zischend: „Damit ihr nicht ausschlagt.“

Waren schließlich alle Ponys in diese unerquickliche Lage gebracht worden, sah sie sich triumphierend in der Runde um, rief noch einmal, wie um ihre Tat zu rechtfertigen: „Damit ihr nicht ausschlagt!“ und begann die Mahlzeiten auszuteilen. Das Morgendmahl bestand aus einem Teller Haferflockenbrei mit frischen Früchten und einem Napf Wasser. Mangels Bewegungmöglichkeiten mußten die Ponys den Brei und das Wasser schlabbern – ja wie eben Pferde –  wobei die kurzen Ketten ein Klirrkonzert veranstalteten. Es war ein wahrlich entwürdigendes und demütigendes Schauspiel, die Nacktheit, die Fesseln, das Schlabbern und Kettengerassel, aber samantha spürte ein erregendes Ziehen dabei und wußte, daß sie auf dieses bizarre, abstoßende und anziehende Ritual keineswegs verzichten wollte.

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