Das Versöhnungsgeschenk

„Wofür soll denn das gut sein?“
„Äh… Dekoration. Ist doch schöner, als wenn da einfach nur ein plattes Brett ist. Und weniger stabil wirds davon auch nicht.“
„Aha.“
Ich gab mir Mühe, meine Erleichterung nicht durchscheinen zu lassen. Günther hatte die Erklärung akzeptiert.

Dachte ich. Wenig später fragte er erneut.
„Meine Güte. Rein für Dekorationszwecke ist das aber ein ganz schöner Aufwand. Du bist doch sonst nicht so ein Schöngeist… du schleifst da schon länger an diesem komischen Loch rum, als ich an dem ganzen Fußende.“

Ich war leicht genervt. Als ob ihn das was anging, wozu ich in dem Ehebett, das wir für Andrea und mich bauten „komische Löcher“ haben wollte.

Aber was sollte ich machen? Schließlich war Günther derjenige, in dessen mehr als gut ausgestatteter Werkstatt wir uns befanden. Mit meiner desolaten Werkzeugsammlung wäre das Ganze von vornherein zum scheitern verurteilt gewesen. Ganz abgesehen von meinen Fähigkeiten, Holz zu bearbeiten. Wenn ich sowas alleine machte, sah es immer ziemlich „sägerauh“ aus.
Und die Löcher hinterher zu machen, ging nicht. Schließlich sollte das Bett lackiert werden.

Das alles ging mir in sekundenschnelle durch den Kopf, während ich mir Mühe gab, so zu tun, als hätte ich seine Äußerung nicht wahrgenommmen.
Er bohrte weiter. Nicht in das Bett, sondern in mich: „Das sieht ja eher aus, als wolltest du was da durchziehen, so sorgfältig, wie du die Kanten abrundest.“
Ich griff nach der Bierflasche und nahm einen verzweifelten Zug, bevor ich mit den Schultern zuckte. Das hätte ich mir anders vorgestellt, irgendwie… konnten wir nicht einfach nur das Bett fertigmachen, und dabei keine philosophischen Gespräche über etwaige Verwendungszwecke von Details führen?
Ich stöhnte gekünstelt: „Was sollte ich denn da durchziehen wollen?“
Jetzt zuckte Günther die Schultern.
„Weiß auch nicht. Aber du solltest nicht vergessen, daß das Kiefernholz ziemlich weich ist. Je nachdem, was du vorhast, splittert dir hinterher der Lack ab. Gurte und Seile sind ok, aber wenn du eine Kette nimmst, drückt die sich in das Holz, wenn Andrea dran reißt. Das sieht schnell sehr häßlich aus. Da wären D-Ringe besser.“
Mein Mund wurde sehr, sehr trocken, und meine Ohren unter der dicken Staubschicht ziemlich rot. Verdammt. Die Bierflasche war alle.
„Wie… was… wie… was… meinst du?“
Er grinste breit. Ich stöhnte leise und fluchte in Gedanken. Viel deutlicher hätte ich ihm nicht zeigen können, daß er ins Schwarze getroffen hatte. Jedenfalls beinah. Aber der Unterschied war unwesentlich…

Er klopfte mir auf den Rücken, was in eine gewaltige Staubwolke resultierte.
„Nu bleib mal ganz ruhig. Ist doch nix schlimmes dabei.“
„Ich weiß überhaupt nicht, wovon du redest. Was haben Ketten mit Betten zu tun, außer daß es sich reimt?“
„Klar… du hast wirklich überhaupt keine Ahnung. Gar kein bisschen…. Nicht die Spur….“
Er schüttelte sich vor Lachen.
„Habe ich nicht. Was willst du mir eigentlich unterstellen?“
„Nichts… gar nichts. Ich gehe noch ein Bier holen.“

Als er wiederkam, schliff ich konzentriert. Zumindest tat ich so. Langsam nahm das Langloch, das natürlich dafür bestimmt war, daran die linke Handfessel festzumachen, die Form an, die ich mir vorgestellt hatte, mit schön abgerundeten Kanten, damit es auch bei viel Zappelei nicht möglich war, eventuell die Gurte durchzureiben.

Günther kam wieder, stellte ein paar Bierflaschen auf die Werkbank, sah sich meine Arbeit an und schüttelte den Kopf.
„Junge, junge. Du machst da aber wirklich eine Wissenschaft draus. Warte mal, ich zeig dir, wie das geht, so dauert das ja eine halbe Ewigkeit. Also, wo sollen denn die anderen hin?“
Stumm zeigte ich ihm die anderen Stellen, wo ich Durchbrüche geplant hatte.
„Mein lieber Schwan, das ist dann aber gründlich. Da sieht man ja kaum noch was vom Bettzeug…“
Er rieb sich versonnen das Kinn, öffnete eine Bierflasche und hielt sie mir hin. Ich griff danach und sah noch ein kurzes Aufblitzen, aber die Zeit reichte nicht mehr, die Hand wegzuziehen. Die Handschelle war schon zugeschnappt. Günther war stärker als ich, und ich stöhnte vor Schmerzen auf, als er meinen Arm auf den Rücken drehte. Die Handschelle schnitt gemein ein. Schnell leistete meine zweite Hand der ersten Gesellschaft. Günther schubste mich rückwärts auf das Sofa, das in der Ecke vor sich hingammelte und ließ einen Karabinerhaken einschnappen.
„Damit du nicht wegläufst. Willst du einen Schluck Bier?“
Ich nickte. Er steckte mir die Flasche in den Mund und hob das Ende an. Ich versuchte zu signalisieren, daß ich genug hatte, aber er bevorzugte, das zu übersehen. Der letzte Schluck lief mir aus den Mundwinkeln.
Dann war für eine Weile das Geräusch der Stichsäge, anschließend der Oberfräse, mit der er die Kanten abrundete, zu vernehmen.  Zwischendurch gab er mir weiter zu trinken.

Tatsächlich, nach knapp der Hälfte der Zeit, die ich für ein Loch gebraucht hatte, war er mit dem letzten der neun verbliebenen fertig. Er füllte mich mit der vorletzten Bierflasche ab, dann ließ er sich neben mich fallen.
„Schluß für heute. Und du fährst bestimmt nicht mehr nach hause, wenn ich mir angucke, wie du schielst.“
Er musterte unser Werk, dann grinste er mich an.
„Ich würde allerdings noch in Kopf- und Fußende Befestigungsmöglichkeiten vorsehen… Damit kann man lustige Dinge machen. Weiß Andrea eigentlich, was du vorhast?“
Ich nickte, dann schüttelte ich langsam den Kopf.
„Ja was denn nun? Jetzt mach doch nicht so wortkarg. Oder soll ich Marion von deinem Hobby erzählen?“
Ich riß die Augen auf. Marion.  Meine Schwester. Günthers Frau. Alles, nur daß nicht. Ehe man ihr etwas erzählte, konnte man sich auch mit einem Megaphon auf den Marktplatz stellen. Ich gab auf.

„Naja, Andrea fesselt mich gerne. Sie erpreßt mich, daß sie mich sonst verlassen würde. Sie liebt es, wenn ich hilflos bin. Sie läßt mich manchmal die ganze Nacht hilflos gefesselt. Insofern ist das kein neues Hobby. Aber sie weiß nicht, daß meine Bauerei hier mit dir damit zu tun hat… das soll eine Überraschung sein.“
Günther musterte mich und sagte mit einem ziemlich sarkastischen Unterton: „Und du haßt es natürlich, gefesselt zu werden. Deswegen möchtest du sie auch mit einem bombenfesten und unentkommbaren Bett überraschen, damit sie dich voll im Griff hat. Das klingt nicht besonders stimmig.“
Ich sammelte mich für einen Moment. Ich hatte mich nie geoutet, nicht mal Andrea wußte, wie sehr ich es genoß, gefesselt zu werden. Ich konnte es ja kaum mir selbst gegenüber zugeben, daß ich es toll fand gefesselt zu werden. Das Bett wäre meine Art gewesen, ihr zu signalisieren, was ich wollte.
Günther deutete mein Schweigen richtig. „Du stehst drauf.“
Langsam nickte ich, was er mit einem breiten Grinsen quittierte.
„Das muß ich unbedingt Marion erzählen. Das ist ja total witzig.“
„Nein, bitte nicht. Das kannst du nicht tun. Sie würde es sofort allen Leuten erzählen.“
„Komm mit!“
Ich schüttelte verzweifelt den Kopf.
Er griff in ein Regal und kam mit einem Würgehalsband auf mich zu.
Meine Zappelei nützte nichts. Er ließ die Hundeleine einschnappen und zupfte sanft daran, so daß sich die Stacheln leicht in meine Haut drückten.
„Kommst du jetzt mit?“
Mir blieb nichts anderes über.

Er zog mich durch die Verbindungstür in den Flur, dann weiter in das Wohnzimmer, wo Marion sich gerade einen Film ansah. Als sie meiner gewahr wurde, nahm sie schnell die Hand zwischen ihren weit gespreizten Beinen heraus und gab sich Mühe, nicht ganz so erwischt auszusehen.
Mein Kiefer rasselte herunter. Meine Schwester… Meine große Schwester, die ich üblicherweise mit Attributen wie normal, strebsam, freundlich, mehr oder minder harmlos, hilfsbereit, keiner Fliege etwas zu leide tuend in Verbindung brachte, befriedigte sich, während sie einen, wie mein kurzer Blick mich versicherte, ziemlich harten Pornofilm ansah!
„Marion, tut mir leid, dich zu stören, aber guck mal, was ich dir mitgebracht habe.“
Sie schien nicht besonders lange zu brauchen, um sich auf die Situation einzustellen.
„Oh! Geschenke um die Uhrzeit!“
Sie sprang auf, klatschte begeistert in die Hände, küßte Günther und schmiegte sich eng an ihn.
Dann wendete sie sich zu mir.
„Kleiner, von dir hätte ich sowas nicht erwartet. Warum ziehst du dir denn Handschellen und ein Halsband an?“
Ich wurde rot. Günther antwortete für mich.
„Äm… Das war ich. Aber er findet’s gut.“
Sie musterte mich. „Stimmt das?“
Ich fand meine Stimme wieder, aber irgendwie war ich ziemlich heiser: „…im Prinzip ja. Das Halsband ist aber alles andere als nett…“
Sie umarmte mich und küsste mich auf die Wange. „Michael, das ist ja total süß! Warum hast du mir das nie erzählt?“
„Dann hätte ich’s ja gleich in die Zeitung setzen können….“
Sie kniff mich in bester „große-Schwester-Manier“ bösartig in den Oberarm, dass ich aufjaulte, dann sah sie mich vorwurfsvoll an.
„Michael, wie kannst du so etwas sagen? Ich habe doch auch Gefühle.“
„Äh… tut mir leid.“

„Ich glaube dir kein Wort. Aber das macht nichts.“ Sie umarmte mich erneut, dann nahm sie mir Halsband und Handschellen ab. „Du wirst also gerne gefesselt?“
Während ich mir die Handgelenke rieb, nickte ich belämmert.
Sie grinste: „Naja, du hast eine sehr dominante große Schwester… da ist das ja beinah kein Wunder. Ich habe mich schon immer gefragt, ob Andrea nicht…“
Günther unterbrach. „Apropos Andrea.“
Er nahm das Telefon.
„Äh…“
„Lass mich nur machen.“
Dann durfte ich zuhören, wie er Andrea erklärte, daß ich etwas zuviel getrunken hätte, und sicher nicht mehr nach hause fahren konnte… ich hätte ja schon nicht mehr anrufen können. Ich konnte seiner Seite des Dialogs entnehmen, daß sie nicht amüsiert war.
Er legte auf und Marion brach in Lachen aus. „Du böser Kerl. Jetzt hängt für den armen Michael der Haussegen schief.“
Günther grinste: „Naja, wenn sie drüber geschlafen hat, wird es wohl nicht mehr so schlimm sein. Und wenn Michael ein Versöhnungsgeschenk mitbringt…“

Wir unterhielten uns noch ziemlich lange…
Schließlich meinte Marion: „So, jetzt wird es aber Zeit, ins Bett zu hüpfen. Du kannst hier auf dem Sofa schlafen. Ich hole dir nur etwas bequemes Bettzeug.“
Günther kramte in der Küche herum und kam mit einer neuen Zahnbürste wieder: „Ich würde sagen, du solltest dich duschen. Und ganz wichtig: Nie vergessen, die Zähne zu putzen.“
Ich verschwand in das Badezimmer.
Als ich, ein Badehandtuch um die Hüften, zurückkam, stand Marion im Zimmer.
„Hier habe ich deinen Schlafanzug für dich.“
Ich sah ungläubig die Zwangsjacke an, die sie hochhielt.
„Nun los. Gib’s zu, das wolltest du immer schon mal probieren. Ich habe schließlich früher oft genug mit dir zusammen Fernsehen geguckt. Und deine Faszination war gelegentlich nicht wirklich zu übersehen. Streck die Arme aus!“
Ich gehorchte.
Kurz darauf umarmte ich mich selber. Anschließend wies sie mich an, mich auf das Sofa zu legen, fesselte meine Fußgelenke mit einem weichen Seil, deckte mich zu und steckte die Seiten der Decke unter mich.
„Bequem?“
Ich nickte.
„Dann schlaf schön.“
Sie löschte das Licht.

Marion hatte reichlich Spielraum in der Zwangsjacke gelassen, aber trotz meiner Versuche, daraus zu entkommen, war nichts zu machen. Es dauerte nicht lange, bis ich eingeschlafen war.
Ich wachte sehr früh von dem Geklapper aus der Küche auf. Es war noch dunkel.
Günther kam herein, ersetzte die Fesseln an meinen Füßen durch Fußschellen, die mit einer kurzen Kette verbunden waren und zog mich hoch. Dann führte er mich in die Küche. Auf dem Tisch stand ein Frühstück, Marion saß schon und hatte ein Brot geschmiert. Ich setzte mich auf den offenbar für mich bestimmten Stuhl.
„Macht mich los.“
Marion schüttelte den Kopf und hielt mir das Marmeladenbrot vor den Mund. „Abbeißen.“
„Macht mich los.“
„Nein. Ich denke, du brauchst ein Versöhnungsgeschenk für Andrea.“
„Ja und?“
„Wart’s ab.“
Ich ließ mich ohne weitere Widerworte füttern.

Nach dem Essen führte Günther mich den Flur entlang, auf die Verbindungstür zur Garage zu.
„Halt, was hast du vor?“
„Wart’s ab.“
Er zog mich, trotz meines zunehmenden Widerstands, zu seinem Auto und schob mich auf den Beifahrersitz.
Schnell war ich angegurtet.
„Das kannst du nicht machen!“
„Aber sicher doch.“
Ich protestierte weiter, bis er mir kurzerhand einen Knebel in den Mund schob.
Marion stand grinsend im Garagentor und winkte, als Günther rückwärts die Einfahrt hinunter auf die Straße fuhr.

Eine halbe Stunde später parkte Günther vor unserer Wohnung. Es war früh genug am Sonntagmorgen, daß so gut wie kein Verkehr gewesen war. Auch Fußgänger waren nicht unterwegs.
Günther löste den Anschnallgurt, öffnete die Tür und half mir aus dem Auto.
Vor unserer Haustür sagte er: „Da fehlt noch etwas.“
Er manövrierte mich zu dem einen Pfosten unseres Vorbaus, dann zog er ein breites, rotes Geschenkband aus der Tasche, zog es unter meinem linken Arm durch und band mich mit einer wunderschönen Schleife an den Pfosten.
Dann drückte Günther den Klingelknopf und klemmte ihn mit einem Stück Streichholz fest, bevor er wegfuhr.

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