Egal

Die Morgendämmerung. Es war im April. Also musste es spät geworden sein. Bea sah den Clubbesitzer an. Er polierte Gläser und blickte mit leerem, müdem Blick auf einen sadomasochistischen Pornofilm, der von einem in die hintere Tresenwand eingelassenen Bildschirm ausgestrahlt wurde. Er nickte Bea unauffällig zu. Für sie das Signal. Ihre Schicht war vorbei.
Es war ein langer und sehr zäher Abend gewesen und eine ereignislose Nacht, die nicht enden wollte. Doch nun endlich. Ein Transvestit hockte noch halb in sich zusammen gesunken seit Stunden stumm auf seinem Barhocker, trank einen Kaffee nach dem anderen und sah niemanden an. Der hatte Probleme, gleich welche, aber Umsatz war da nicht zu machen. Schließlich noch ein ziemlich fettes Paar am Tisch neben der Ausgangstür. Die letzten Gäste. Der Mann hatte irgendwie seine Hand im Schoß der Frau und schwitzte. Auch kein Umsatz.

Als Bea sich bereits in einer privaten Seitenkabine aus ihrer Dominakleidung schälen und endlich den alten Körperschweiß unter dem Latex abduschen wollte, hörte sie wie der eiserne Türklopfer pochte, sah, wie die rote Lampe in ihrer Kabine blinkte. Doch noch ein Gast? Scheiße. Sie zog den Reißverschluss ihres Rockes wieder zu, steckte sich eine Zigarette an und ging wieder nach vorn in den Barraum.

Ein Mann asiatischer Abstimmung hatte sich auf einen Hocker gesetzt, und der Clubbesitzer stellte ihm gerade ein Bier auf den Tresen, als Bea widerwillig zurück kam.
„Kann ich ein Glas dazu haben?“, fragte der Gast, und der Wirt stellte ihm wortlos ein frisch poliertes Bierglas neben die Flasche.
Bea setzte sich neben den Gast, sorgte dafür, dass der Schlitz ihres Rockes viel von ihren Beinen zeigte und begrüßte ihn.
„Ich kann Japaner, Koreaner und Chinesen nicht gut auseinander halten.“
„Ich bin Chinese,“ antwortete er und trank die Schaumkrone seines Bieres vorsichtig, in kleinen Schlucken.
„Soll ich dir einmal unser Studio zeigen?“

Als sie von ihrem Rundgang wieder in den Barbereich kamen, war Bea froh, gestern das Abendblatt gelesen zu haben. Es hatte eine Sonderbeilage zum Thema Hamburg und der chinesische Wirtschaftsboom enthalten. Fast im Monolog erzählte sie ihm vom geplanten chinesischen Teehaus am Völkerkundemuseum, von der gerade getauften Shanghai-Strasse im Hafen, von der Chinese Shipping Bank am Grasbrock.
„Ich war noch niemals in China“, unterbrach sie der Mann.
Er war wortkarg und kompliziert. Bea beschloss, das Kobern zu verkürzen und sagte:
„Ich glaube, ich brauche einen Piccolo.“
Er winkte den Gastwirt zu sich und bestellte das Getränk.
Als Bea ihm zuprostete, sah er sie an, ohne dass sie in seinem Blick etwas erkennen konnte:
„Ich glaube, ich brauche die Peitsche.“
Bea stellte ihr Glas ab. Vielleicht kam sie doch bald ins Bett und konnte endlich schlafen.
„Wie heißt du? Lin oder Han oder Mao oder wie ?“
„Egal“, antwortete er sichtlich kühl.
„Ok, dann nenne ich dich Egal. Eine Behandlung hier im öffentlichen Bereich kostet einhundert Euro, in den anderen Studioräumen zweihundert Euro.“
„Dann eben hier für einhundert“, entschied er.
„Ok, Egal, dann stell dich hinten mal schön unter das Jochholz und zieh das Hemd aus.“
Er gehorchte, und sie folgte ihm ohne die sonst von ihr eingehaltene Wartezeit, befestigte ihn in einem Zaumzeug, hing ihm eine Kummet um den Hals und fixierte ihn über entsprechende Scharniere, Karabinerhaken und Ketten.
Dann stellte sie sich vor ihn und zeigte ihm einen polierten schwarzen Rohrstock.
„Ich brauche es hart“, sagte er.
„Hart kostet extra. Fünfzig.“
Er antwortete nicht.
Dann verschwand Bea aus seinem Gesichtsfeld und stellte sich hinter ihn.
Dreißig Schläge in fünf Minuten, also in dreihundert Sekunden. Alle zehn Sekunden. Die letzten Hiebe waren härter als die ersten.
Dann befreite sie ihn aus der Fixierung.
„Alles gut, Egal ?“
Er war verschwitzt und atmete schwer, sank auf die Knie und holte sein Glied aus dem Slip. Er begann zu wichsen.
„Was ist das denn? Du willst auf meine neuen Schuhe spritzen? Das kostet extra.“
Er stand auf und sah sie wütend an.
„Ok, Egal. Geh mal auf die Herrentoilette und wichs dich. Ich komme gleich nach.“

Als sie vor ihn auf die Fliesen einige Lagen von einer Rolle Küchenpapier ausbreitete, sah er sie lange an.
Bea steckte sich eine Zigarette an, befahl ihm zu wichsen und beim Spritzen darauf zu achten, das ausgelegte Papier zu treffen. Er gehorchte und begann, sich vor ihr selbst zu befriedigen.
„Dawai, dawai“, zischte Bea, wohl im Glauben, das sei chinesisch und nicht russisch. Als er sich auf das Papier ergossen hatte, ging Bea sofort in den Barraum. Wenig später folgte er und fragte den Clubbesitzer nach der Rechnung.
Dieser verlangte für das Bier, den Piccolo und Beas Dienste zweihundert Euro. Der Gast musterte ihn lange, zog zögernd seine Brieftasche, legte die geforderte Summe auf den Tresen und verließ grußlos den Club.
Wenig später rechnete der Wirt auch bei dem noch anwesenden Transvestiten und dem Paar ab, während Bea sich in der Privatkabine endlich für den Heimweg umziehen konnte.

Bea war müde und freute sich auf ihr Bett. Es war sechs Uhr morgens als sie in die Große Freiheit einbog, um in ihre Wohnung am Paul-Roosen-Weg zu gelangen.
Am Eingang der Großen Freiheit hörte gerade ein rotes Neonlicht auf im Takt zu blinken. Ein letztes Mal in grellen Lettern: Girlie Fuckmachine – geiler geht´s nicht.

Dort wo die Simon-von-Utrecht-Strasse die Große Freiheit kreuzt, dort ist auch in belebten Zeiten der Endpunkt für die Neugier der Erotiktouristen. In der Straßenverlängerung hinter der Kreuzung besuchen höchstens noch eingeschworene Musikliebhaber das „Grünspan“ oder das gleich dahinter liegende „Indra.“ Große Freiheit des neonfreien Zerfalls, hinter dem „Indra“ nur noch ein schwer einsehbarer Parkplatz und am Ende der Straße diesem gegenüber liegend eine verfallene Kneipe namens Mammas Ende.

Genau an dieser Stelle war Bea auf ihrem Heimweg, als ein Mann plötzlich vor ihr stand. Ein Klappmesser sprang auf.
„Egal ? Was soll das?“
Sie kam gar nicht dazu, die Situation genauer einzuschätzen und wurde so grob auf den Parkplatz gestoßen, dass sie stolperte, hinfiel und sich die Stirn auf den Schottersteinen stieß. Blut sickerte in ihr Gesicht. Sie spürte wie jemand in ihr langes dunkles Haar griff. Plötzlich löste sich die Spannung, und Bea schlug wieder mit dem Gesicht auf den Schotter. Er hatte ihr mit dem Klappmesser ihre langen Haare abgeschnitten, drehte Bea um und befahl ihr den Mund zu öffnen. Sein Klappmesser blitzte direkt vor ihr in der Morgensonne. Sie gehorchte in ihrer Todesangst und musste würgen, als er ihre Haare tief in den Mund und Rachenraum stopfte. Sie war nicht später mehr in der Lage, den weiteren Ablauf zu schildern, wusste aber noch, dass er immer wieder sagte:
„Nicht egal und kein Chinese.“
Sie spürte den Geruch von Sperma. Er hatte sich in ihrem Gesicht entladen. Sie musste sich übergeben. Als sie zu ihm hoch sehen wollte, war niemand mehr zu sehen.

Das letzte Haus auf der linken Seite der Großen Freiheit ist die erwähnte Schankwirtschaft: „Mamas Ende“.
Hier kommt weder ein Tourist noch ein Musikfreund vorbei. Zur Uhrzeit des Vorfalls war hier eigentlich selten irgendeine Menschenseele zu sehen. Der Gastwirt entdeckte Bea am späteren Morgen. Sie lehnte halb zusammen gesunken an der Steinmauer gegenüber.
Er half ihr in Haus. Man hatte sie halb geschoren. Er säuberte das verkrustete alte Blut aus ihrem Gesicht so gut es ging und fragte, ob er einen Arzt rufen solle, aber Bea schüttelte entschieden mit dem Kopf und bat ihn um einen Weinbrand. Er schenkte ihr ein halbes Wasserglas ein und sorgte dafür, dass sie es in ihren zitternden Fingern halten und an den Mund führen konnte.
„Bea, was ist bloß passiert?“
Sie trank und schwieg. Als sie das Glas endlich geleert hatte, sagte sie leise:
„Ich habe mich heute zum ersten Mal bei einem Gast gründlich geirrt. Ich hatte einfach keinen Bock mehr und war nicht aufmerksam. Bring mich bitte nach Hause.“

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